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01:46. Gardasee.

Tourismus und Wein. Nicht immer mit Happy End.

Stell dir vor, da ist ein langgestrecktes Haus. Rundherum, wie im Halbkreis angelegt, sehr gepflegte, eher kleine Weingärten. Eine tolle Landschaft. Wäre da nicht am Ende jedes Weingartens ein neugebautes Haus. Eine Geschichte, nicht einfach zu schreiben, aber lies selbst...

01:46. Gardasee.
Berg im Glas.
Weblinks


Eigentlich müsste ich dir den historischen Hintergrund erklären. Das willst du aber nicht hören, oder lesen. Deswegen wird es eine meiner verworrenen langatmigen Stories. Halte durch. Bitte.

01:46. Um die Uhrzeit ist die Aussicht ziemlich spooky, wie man heutzutage sagen tät. Denn da sind lauter Lamperln um diesen riesigen Hotel-Pool, den selbst untertags, jetzt, Anfang März natürlich niemand nützt. Obwohl er fast so rauscht wie ein Gebirgsbach im Paznaun. Und dann ist da so ein breiter dunkler Streifen, in dem sich die paar Lampen am anderen Ufer des Gardasees noch ein bisserl spiegeln. Also einfach gesagt, das wäre eine wunderbare Aussicht, täten die vom Hotel die in der Nacht eh sinnlosen Lamperln abdrehen.

Aber das wollt ich dir ja eigentlich gar nicht erzählen.

Also hör zu. Es war einer dieser Tage, die man als Wein-Schreiberling halt so hat. Du setzt dich in der Früh mit ein paar anderen Typen und Typinnen in so einen Iveco-Bus. Navetta nennt man das hier. Und du hast dann ein 12 Stunden-Programm. Ein Weingut nach dem anderen. Ist okay, das ist Job. Und normalerweise erträgst du das halt, dass sie dir in den Wein-Fabriken mit den hunderten 500 Hektoliter-Stahltank-Batterien erklären, dass der Wein im Weingarten entsteht und blablabla. Man tut überrascht bei der Monster-Abfüllanlage, kriegt 08/15 Weine zu kosten und hofft, dass die Salami und der Käse bei der Verkostung gut sind. Alltag in unserem Job. Je vorlauter der Export-Manager von seinen Erfolgen in Amerika oder Asien erzählt, desto glatter der Wein.

Und dann das.

Und dann das.
Hier verkostet man doch gerne.


Eine Familie. Gerade einmal vier Hektar Weingärten. Bei Sirmione. Am südlichen Ende des ehemaligen Gletschers. Heute Garda-See genannt. Total liebe Leute, glaub mir, die findest du hier nur mehr selten. Und in jedem Eckerl ist irgendwas richtig schön. Da sind ein paar nett gestaltete Weinkisten und darauf eine Stehlampe. Eine umfunktionierte alte Nähmaschine. Die Tische stehen nicht in Reih und Glied, nein, die stehen schräg im Raum. Darüber hängen ein paar Salamis. Mit einem Schild, dass die nur Dekoration sind, obwohl sie echt sind und ich am liebsten ein Radl abschneiden würde.

Mattia, der Sohn des Hauses erzählt, wie lange sie schon da bauen – insgesamt mehr als zehn Jahre. Weil es halt immer nur weiter geht, wenn wieder Geld ins Haus kommt. Und wenn dann so Jahre wie 2014 sind, wo Arschjahr eine freundliche Umschreibung wäre, ja dann geht eben nix weiter. Denn Kredit ist nicht. Trotz Agriturismo, Verkostungen, selber kochen und Zimmer vermieten. Dann reichts eben grad zum Leben aber nicht für Investitionen.

Und da ist dieser Blick.

Und da ist dieser Blick.
Allgegenwärtig. Der Berg.


Dieser Berg, dieser ehemalige Vulkan. 2.200 Meter hoch. Wenn du die Kellertür aufmachst siehst du ihn, seine schneebedeckte Kuppe. Monte Baldo. Allgegenwärtig hier. Und ein bisserl ehrfurchtsvoll stehst du da. Wenn Mattia dir aus dem Stahltank im Freien den Lugana ins Glas füllt. Das hat was. Selbst für den alten Knall.

Und dann beginnt man zu plaudern. Zu hinterfragen. Weil es ja schon ein bisserl seltsam aussieht hier. Die Weingärten wie selten sonstwo hier – gepflegt. Mit Akribie und Liebe. Weißt, eh, wenn man diesen Job so lange macht wie ich, dann sieht man das. Da steckt unglaublich viel Arbeit dahinter. Toll. Nein, eigentlich bewundernswert, denn es ginge ja auch einfacher.

Weisst eh, ich kann ja meine Pappn nicht halten.

Weisst eh, ich kann ja meine Pappn nicht halten.
Ohne dieses neu Haus, wäre da jetzt der See und der Berg. Jetzt schaut grad noch der schneebedeckte Gipfel zwischendrin durch.


Dann frag ich ihn. Wieso denn das hier so seltsam aussieht. Da sind vielleicht 15 oder 20 Zeilen, nicht einmal sonderlich lang. Ja, genau die, wo du gerne arbeitest, weil du immer schnell fertig bist. Aber hier ist es nicht so, wie bei uns. Wo die kurzen Zeilen aufhören, weil der Wald anfängt.

Nein, die sind aus, weil da ein neues Haus steht. Weisst, ein Haus, wo einfach keines stehen sollte. Denn da sollte jetzt der Weingarten vom Nachbarn anfangen. Oder das Kukuruz-Feld. Oder die Wiese, wo das Vieh grast. So, wie das vor zehn, zwanzig Jahren ja auch noch war. Damals, als ein Kilo Trauben hier gerade einmal tausend Lire einbrachten und man mit gemischter Landwirtschaft – und Förderungen – irgendwie über die Runden kam.

Gleich da drüben ist der See.

Gleich da drüben ist der See.
Vespa. Mitten im Verkaufsraum.


Und spätestens seit den 1960ern kamen die Touristen. Ja genau, auch wir. Die Deutschen mit der tollen D-Mark. Wir Österreicher mit unserem Schilling. Und selbst wenn wir wenig hatten, wir zahlten selbst für eine gemähte Wiese, auf die wir ein Zelt stellen durften, mehr Geld, als die mit ihrer Landwirtschaft sonst verdienen konnten. Ziemlich arme Bauern verdienten in zwei Monaten Sommer oft mehr, als das restliche Jahr. Naja, was ist da jetzt schlecht dran? Eh nix. Hast schon recht.

Allerdings blieben die genügsamen Touristen nicht genügsam. Sie hatten in den Siebziger- Achtziger- und speziell dann in den Neunziger Jahren richtig Kohle. Und verlangten nach mehr. Die – inzwischen auch nicht mehr so armen Bauern, begannen Häuser zu bauen. Mit Zimmern für die Touristen, die jetzt nicht mehr im Gogomobil kamen und zelteln wollten, sondern Mercedes fuhren und Betten wollten. Und eine Pizzeria, denn in Italien isst man ja Pizza. Auch wenn das hier eigentlich niemand ass und auch niemand Milch in den Kaffee schüttete – die Touristen wollten das, also machte man es. Wein war Nebensache, aber besser bezahlt denn je.

Und, hör zu mein Freund. Damals war Lugana ein der vielen regionalen Weine rund um den Gardasee und Verona. Denn hier gab es ja auch Custoza, Bardolino, Chiaretto, weiter drüben dann auch Soave, Valpolicella und Amarone. Und hundert andere regionale Sorten. Viele davon heute schon vergessen. Alles nur ein paar ein paar Kilometer weg. Eigentlich toll. Aber auch verwirrend. Und allesamt ziemlich billig. Menge war wichtiger als Qualität. Wie ja auch bei uns damals.

Die meisten Sorten verkamen zu Massenwein. Mit Tourismus konnte man viel mehr verdienen. Wenn du also aus einem Hektar Land mit Landwirtschaft gerade einmal irgendwie die Familie ernähren konntest – und dann plötzlich so ein Immobilien-Fuzzi auf der Matte stand und mit 200.000 Euro für einen Hektar wachelte – ja dann ist es doch verständlich dass der Nachbar schwach wurde. Der hatte eh keine Kinder, die sich die Arbeit antun wollten. Also verkaufte er.

Nur der Grossvater dieser Familie nicht.

Nur der Grossvater dieser Familie nicht.
Eine Paarung, wie aus dem Genuss-Lehrbuch.


Der hackelte weiter auf seinen vier Hektar. Und die Tochter machte weiter. Und heute eben deren Kinder. Aber am Ende jeder Rebzeile stehen jetzt Häuser. Vermietet an Touristen. Zwei, drei vielleicht auch vier Monate im Jahr. An Urlauber, die allerdings immer weniger Geld ausgeben. Die im Supermarkt billig einkaufen. Über die Parkgebühren in Sirmione jammern. Die Pizzerien sind zu viele und halbleer.

Wir schreiben 2016. Lugana ist „in“. Selbst Bardolino und Chiaretto sind wieder im Aufwind. Für eine 0,75 l Flasche halbwegs guten Lugana bekommt man plötzlich um die 8,- bis 10,- Euro. Aus einem Hektar kann man um die 20.000,- Euro erzielen. Das ist mehr, als man mit so manchen Tourismus-Mietobjekten, die in den letzten 20-30 Jahren auf besten Weingründen gebaut wurden, verdienen kann. Aber die stehen da jetzt.

Auf den vier Hektar macht diese Familie allerdings ein paar der besten Weine der Gegend. Die Mamma nebenbei auch noch Spezialitäten, wie Feigen- oder Zitronenmarmelade. Wunderbar Ferien machen kann man hier. Und die Jause zur Verkostung war den Besuch allein schon wert.

Aber das wird eine eigene Geschichte.

Und ich sitze da und wünsche mir eigentlich einige Sprengsätze. Aber das darf man ja nicht sagen. Schon gar nicht schreiben. Warum nicht? Fehler, die meine Generation gemacht hat, weil es uns zu gut ging reparieren? Wäre das so falsch? Ich glaub' nicht.
Freie Sicht auf den Monte Baldo. Prost.

www.cascinamaddalenalugana.com
© by Helmut Knall
last modified: 2016-03-05 22:05:00

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