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One of those days...

Bartolo im Steirerland.

one of those days... ...ja ich gebe zu, die passieren auch einem Wein-Urgestein, wie mir sehr, sehr selten. Und um so mehr geniesse ich sie. So wie letztens im Restaurant Steirerland in Kitzeck.

One of those days...
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...ja ich gebe zu, die passieren auch einem Wein-Urgestein, wie mir sehr, sehr selten. Und um so mehr geniesse ich sie.

Es beginnt mit dem üblichen Ärger in der Bundesbahn. Man könnte es mit "ned amoi a wiaschtl" übertiteln. Ein Zug fährt von Wien gen Süden. Bummvoll. Wann sonst, ausser an einem Wochenende, in einem Zug, der um 10 Uhr Wien verlässt, in dem man die nächsten 3-5 Stunden verbringt, ja wo sonst sollte es einen Speisewagen geben?

Nun gut, die Bundesbahn bzw. der Betreiber der Schienengastronomie denkt anders. Also steige ich halb verhungert in Leibnitz (Südsteiermark) aus. Madame Wohlmuth hat Erbarmen und serviert mir vier grenzgeniale Brote mit geräuchertem Schinken, ein bisserl rotem Paprika und Scheiben von hartgekochtem Ei. Besser kann eine Begleitung zu Welschriesling 2005 gar nicht schmecken.

Aber darum geht's ja gar nicht. Ok. ich habe ein paar Stunden lang Weine im Hause Wohlmuth verkostet, war überrascht ob der Qualität. Aber auch darum geht's nicht.

Nein, es geht um die zwei Schwestern da ganz oben am Berg. Naja, eigentlich geht's auch nicht um die Schwestern, obwohl beide ziemlich attraktive knappvierzigerinnen, die da ganz oben in Kitzeck das Restaurant und Panoramahotel "Steirerland" mehr als genial schupfen - war man einmal da, wird man das nächste Mal mit: "Servus, schön, dass du wieder da bist" begrüsst. Man bekommt ungefragt das wichtige kleine Bier nach den vielen Weinen zuvor und ein Zimmer mit Aussicht bis Graz.


Dann ein genialer Gruss aus der Küche, ein noch genialeres Supperl, wahlweise mit Frittaten oder Leberknödel und dann, ja dann das Wagnis, soll man hier oben, jetzt in der Vorsaison wirklich das offerierte Rucola-Risotto mit Garnelen bestellen???

Ja man soll. Ein unglaublich perfekt al dente gekochtes Risotto mit wunderbaren Garnelen. Der Riesling 2004, den ich den beiden Damen voriges Jahr wärmstens ans Herz gelegt hatte passt grandios (ein kleiner Tipp: kommt von purem Schiefergestein und kostet nur 7,- Euro ab Hof bei den Wohlmuths).

Jetzt das Steak für den Gerhard Junior und das Backhenderl mit Vogerl- und warmem Erdäpfelsalat und Kernöl für den Knalli. Mmmmhhhh. I'm in Heaven.


Ich brachte den 2002er von Domaine Gauby, Cote du Roussilon, Vielles Vignes mit, der zum Steak vom Styria Beef, wie das steirische Rindviech auch hier zu Hause inzwischen heisst, natürlich besser passte, als zum Backhenderl, aber ich hatte ja noch ein bissl Riesling. Er präsentierte sich noch sehr jugendlich mit feiner typischer Würze, tiefer Frucht und schmeichelweichem Gaumen, machte aber auch ein bissl satt. Erst nach einer guten Stunde wurde er zugänglicher und trinkfreudiger, da war aber die Flasche längst leer...

Und jetzt kommt's. Statt der Nachspeise kommt eine Rotwein-Trilogie, die seinesgleichen sucht:
Andrea Oberto, Barolo 1996, Vigneto Rocche.

Na gut ein bisserl rustikal, vielleicht auch ein bisserl zu viel Holz, aber doch ein ganz typischer Barolo, mit Saft und Kraft, mit deutlichem Tannin und rassiger Säure, wird im Verlauf des Abends immer besser, aber nie wirklich elegant, bleibt immer der rustikale Typ; braucht einfach viel Zeit und Luft.

Aber dann:
Barolo 1999 von Bartolo Mascarello. Ich verweigere die Dekantierung. Einfach schöne grosse Gläser (ja, auch die gibt's hier oben).

Ich hab ja immer schon gesagt, ich bin italoVIEL. Meine Herren, ein Salut nach oben. Was hat dieser schräge Typ in seinem Rollstuhl hier wieder einmal vorexerziert, Gott hab ihn selig. Selten noch hat mich ein Wein derart fasziniert. Barolo ist ja wirklich nur Bartolo ohne "T".

"No Berlusconi - no Barrique" klingt es wie damals in meinen Ohren. Gibt es was schöneres, als diesen Barolo? Noch immer viel zu jung, aber schon recht zugänglich. Mit jedem Schlenkerer duften mehr und mehr Veilchen, dunkle Beeren, Zwetschken, ach was ist doch wurscht. Ein kleines Feuerwerk am Gaumen, Dichte, Eleganz, von mir aus auch "Old fashioned" oder rustikale Töne, knackiges Frucht-Säure-Spiel, endloser Nachhall, ich kann gar nicht anders, ich trinke. Dauernd ist das Glas leer. Und doch hab ich den Wein überall, vom Gaumen bis in die kleinste Zehenspitze.

Ach Gott und jetzt soll ich irgendwas dazu sagen. Ich sage: "Liebe Ruth, hast ein paar Blattln Prosciutto?" Sie hat. Und genau jetzt muss ich nix mehr sagen. Denn mit dem bissl altem, trockenem Schwein blüht der Barolo zu seiner Hochform auf. Nebbiolo gehört einfach nicht pur getrunken. Das ist das Blut der Piemonteser Erde und das will von ausgeblutetem Fleisch begleitet werden. Wir sind einfach so, wir müssen es nur zugeben.

Könnte ich irgendein Lied, wo ich wüsste Bartolo könnte es da oben hören, ich würde es singen. So denke ich mir einfach, dass die vier Leute rund um mich selten so still sind - und er das da oben schon mitkriegen wird, wenns ihn noch interessiert. Und ich seh' ihn durch seine dicken Brillen schmunzeln...

Wie auch immer. Punkte vergeben wäre sowieso Unsinn. Ich kann nur sagen, wenn man wem erklären will, was die Faszination Barolo ist: Dann Bartolo Mascarello 1999, am besten allerdings vermutlich nach 2015.

Da sassen wir also und schwelgten vor uns hin, Gerhard Wohlmuth Junior überlegte wohl, ob die Investition im Burgenland jemals Weine dieser Finesse hervorbringen könne - und plötzlich stand da eine andere Flasche aus dem Keller der beiden Damen am Tisch.

Den Bartolo zu überbieten ist kaum möglich, denke ich bei mir. Aber die Idee, der Frau Diplomsommeliere Maria ist durchaus reizvoll:
Sori' Paitin Barbaresco 1989 Riserva.

Geh bitte, wer hat denn das noch? Das war doch der Wein, an dem Angelo Gaja desöfteren verzweifelte. Echt? Dreimal drehe ich die Flasche, setze meine Gleitsichtbrille wieder auf. Doch. Es stimmt.

"Heaven, I'm in Heaven"... Und ich wollte doch heute früher schlafen gehen...

Ach was. Der Wein ist am Höhepunkt. Was soll man da schreiben - ausser perfekt. Herrlicher Duft, Zwetschkenröster, zart floral und alles, was man sich noch so vorstellen kann - meine Nase will aus dem Glas und kann nicht... Ein Schluck, ein Erlebnis. So schmeckt Piemont.

Diese Weine haben keinen Abgang. Diese Weine verlassen den Gaumen nie wieder. Zähneputzen ist bei Strafe verboten.

Darf ich diesen Wein bitte zu all den Barrique-verliebten Flying-Winemakers mitnehmen? Den da und den vom Bartolo? Damit die endlich kapieren worum es bei Nebbiolo geht. Himmelherrgott ist das gut.

Ich bin verzückt. Denke mir einfach vergiss doch alle Diskussionen um Flaschenformen, Ausbaumöglichkeiten, Amphoren, Hefen, Spinning Cone... und was weiss ich was noch. Das ist einfach sensationell guter Wein. Ziemlich einfach und von mir aus altmodisch gemacht. Aber GROSS. Sehr gross.

Wer bis hierher gelesen hat, ist vermutlich ein Freak. Ich auch. Und sowas von gern....

Lieben Gruss in die Südsteiermark, die immer wieder Überraschungen zu bieten hat. Und lieben Dank Maria, dass du diese Tröpferl aus dem Keller geholt hast.

Achja, in dem Fall sei ein bissl Werbung erlaubt:

Restaurant und Hotel Steirerland in Kitzeck. Ruth und Maria Stelzer. Alles was man wissen muss steht hier:

www.steirerland.co.at


© by Helmut Knall
last modified: 2007-07-18 09:13:16

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