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Mitbestimmung.

Ein Genuss-Erlebnis von Andreas Buergel.

Die alte Dame ist mehr als nur enttäuscht. Es ist Entsetzen, das sich vom Zentrum ihrer Stirn her in einem sich nach unten verbreiternden Dreieck auf ihrem Gesicht breit macht.

Mitbestimmung.


Die alte Dame ist mehr als nur enttäuscht. Es ist Entsetzen, das sich vom Zentrum ihrer Stirn her in einem sich nach unten verbreiternden Dreieck auf ihrem Gesicht breit macht.

Ihre zuvor noch gestrafften Schultern erschlaffen und lassen die Arme wie eine verlassene Kinderschaukel pendeln. Aus dem leicht geöffneten Mund strömt ein Laut, der einem in der Ferne vorbeifahrenden Mofa ähnelt.

"Aber ...",

setzt sie an, doch es will sich nichts so recht in ihrem Sprachzentrum zusammenfinden, das verbal mitteilungsfähig ist. "Darf es denn etwas anderes sein?", kommt es von der anderen Seite der Fleischertheke, ein ganz klein wenig unruhig, denn die Schlange hinter der alten Dame wächst. Es ist schließlich der Freitag vor Pfingsten und die Kühlschränke erflehen unbarmherzig Füllung für ein langes Wochenende.

Leberwurst wollte sie einkaufen. Nicht irgendeine. Diese kleine, leicht geräucherte, feine Kalbsleberwurst. Die, die sie immer auf den handgemachten Brötchen vom Bäcker nebenan aß. Seit Jahren schon. Und zu Pfingsten sowieso schon immer. "Nehmense doch die feine Delikatess. Die is auch gut."

Ein Mann mit Doppelkinn, der weiß, wovon er spricht. "Is doch überall dat selbe drin." Was natürlich die Fleischersfrau auf den Plan ruft, die sanft protestierend mit der Zutatenliste wedelt.

"Kennse die Schmoarwuast? Diiie is gut",

behauptet eine Frau, mit dem Zeigefinger die Luft wie ein Erstklässler in der Schule zerteilend. "Oder nehmse Kornet Piff. Weniger Fett", kommt es in bestimmtem Ton von einer Frau mit streng zurückgekämmten schwarzen Haar, die wie eine Kreiskantorin mit dem Lieblingssatz "Ich kann auch ohne Alkohol fröhlich sein" aussieht.

Das alles verdrießt die alte Dame nur noch mehr. Und als eine Fleischfachverkäuferin sich der vox populi mit der Empfehlung, sich doch mal der Käsetheke anzunehmen anschließt, stapft die alte Dame wortlos und sichtlich abgestoßen von der Versammlung hinaus. Leberwurst ist keine Sache dieser Art von Demokratie, scheint sie sagen zu wollen. Es mag demokratische Alternativen zur Jagdwurst geben; Bierschinken zum Beispiel. Leberwurst aber bleibt der allgemeinen Mitsprache entzogen. Jeder Versuch, in dieser Angelegenheit mitbestimmen zu wollen, scheitert unweigerlich, brüllt uns ihre Körpersprache entgegen. Sicherlich kein prinzipiell antidemokratisches Statement der Dame. Eher ein platonischer Kommentar: Gerechtigkeit wird nur dort herrschen, wo sich die vom Unrecht nicht Betroffenen genau so entrüsten wie die Beleidigten.

"Die Würde des Menschen besteht in seiner Wahl",

sagte Maxe Frisch von der Leber weg. Was soll man dazu noch sagen?

Während ich darüber brüte, ziehe ich mir zwei grunddemokratische Weine auf den Tisch.

Jeder auf seine Art von einer ganz besonderen Form der Mitbestimmung geformt.

Web-V@ltliner 2003,

heißt der eine aus dem Kamptal, vom Weingut Summerer. Er ist schon geöffnet. Die Blochs aus dem Forum waren mit dem Münchner Stammtisch wieder in Österreich und brachten diesen - unter anderen - als Trophäe.

Und wenn der Web-V@ltliner schon von eigener Art benamt scheint, so ist seine Geschichte besonders eigen.

Von Grünarbeit und Rebschnitt bis Verschluß und Etikett ist dieser Veltliner der Mitbestimmung einer Anzahl virtueller Winzer unterworfen, die via Internet an den maßgeblichen Vorgängen der Weinwerdung des Rebstocks partizipieren.

Wer will angesichts dieses Weins behaupten, Mitbestimmung funktioniere nicht?!, denke ich beim Rollen des Weins durch meinen Körper. Eine deutliche Note von Ananassalbei in der Nase. Kräftiger, würzig-fruchtiger Charakter. Mandarine dabei, Lychee, ein wenig Pfeffer, vielleicht Mirabelle.

Harmonisch im Mund, fruchtig-feinwürzig mit feinem Spiel. Belebend und zum zweiten und dritten Hineinschmecken einladend. Ruft die Anklänge des Dufts im Mund wieder hervor. Jetzt sehr schön zu trinken.

Der zweite kommt ebenfalls aus Österreich.

Aus der Hauptstadt. Vom Nußberg bringt das Weingut Wieninger eine Flasche auf den Markt, in der die Reben ihr Stimmrecht im Verein wahrnehmen.

Tradition ist hier nämlich, im Rebberg einen gemischten Satz stehen zu haben. Bis über 40 Jahre sind die Reben alt, und bringen beim 2001er einen Wein hervor, der sich in der Nase vielschichtig präsentiert. Wie eine japanische Reisegruppe, von der sich bescheiden und höflich einer nach dem anderen vorstellt, bringen sich die Komponenten zur Geltung.

Aber das braucht Zeit. Und Luft scheint zu animieren. Dann treten Erinnerungen an Kumquats, Nuß, Karambole, Butter, Muskat, Orange, Karamel hervor.

Präsent und wohlstrukturiert im Mund. Schönes Säurespiel. Recht komplex. Will, daß man sich mit ihm beschäftigt. Offeriert dann die Nasenanklänge wieder. Lange Mundaromen. Ein guter Abgang beschließt den Schluck. Ob der wohl zur Leberwurst passen würde?

Andreas Bürgel
© by Helmut Knall
last modified: 2007-07-18 11:04:23

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