Ein Importeur auf Reisen.

30. Januar 2012 | Von | Kategorie: Fotostories.

WINETT SIZILIEN – TASTE & TRADE

Die Veranstaltung ist eine B2B Veranstaltung für ausländische Importeure, Einkäufer und eine ausgewählte Anzahl von sizilianischen Weinproduzenten.

dsc08347 Ein Reisebericht von Weinrat Gerald Bayer.

Es ist wunderschön nach Palermo eingladen zu werden, im März über 20 Grad zu spüren …. auch wenn man dort wirklich arbeiten muß! Am ersten Abend gab es den Empfang im Grand Hotel Des Palmes mit der üblichen Einweisung und Vorbereitung der Einkäufer auf das straff organisierte Verkostungsprogramm des darauffolgenden Tages. Das durchaus deftige Buffet mit sizilianischen Spezialitäten und Weinen machte uns Einkäufer aber recht locker. Ich muß sagen, es ist immer wieder schön alte Bekannte zu treffen, sich zwanglos über die Märkte auszutauschen und dabei zu essen und zu trinken. Ich ziehe diese Art der Veranstaltung jeder von den hektischen Weinmessen, wie Vinitaly, Prowein, etc. vor.

Der nächste Tag, also der „Tag der Arbeit“ war wirklich durchgeplant und ließ uns kaum Zeit zum Verschnaufen. Alle 25 Minuten ein anderer Produzent mit 4-8 Weinen am Tisch, eingeleitet durch lautstarkes Gebimmel einer großen Glocke, die Tote wecken könnte! Brav haben wir an diesem Tag die 20 Weingüter mit über 100 Weinen und ein paar Likörchen absolviert. Die Produzenten sind ausnahmslos pünktlich erschienen, was schon bemerkenswert war. Bitte das nicht als wertend zu sehen, eher als …. eben bemerkenswert und lobend erwähnt!!! Michèle ist halt eine gestrenge Herrin! ;-)

dsc07979 Die Weine und ihre Qualitäten waren dann doch eher … na ja … durchwachsen, das heißt aber nicht, daß man nichts finden konnte!

Das beste Weingut für mich war BAGLIO DEL CRISTO DI CAMPOBELLO repräsentiert vom symphatischen Carmelo Bonetta und seiner charmanten Exportmanagerin Francesca Simonini, mit der ich vor einigen Jahren schon zusammengearbeitet habe, als sie noch bei VILLA CAFAGGIO war. Ich sag ja … nett, vertraute (nicht alte!!!) Gesichter zu sehen!

Deswegen hat CRISTO DI CAMPOBELLO aber nicht die Höchstnoten bekommen. Nebenbei sei erwähnt, es bekamen die Weine nicht nur von mir, sondern von allen Einkäufern, mit denen ich gesprochen habe, die Bestbewertung. Die aktuellen Punkte des Wine Enthusiast sind lustigerweise fast ident mit meinen. Auch OK. Ein Weingutsbesuch blieb mir leider versagt, da sie dort die Amis hingekarrt, und uns 2 Tage auf Kulturreise geschickt haben.  Am besten gefallen hat mir von den Weinen bei Weiß Lalùci (Grillo) 2010 und bei Rot Lusirà (Syrah) 2008 und Lu Patri 2008 (Nero d´Avola).

Cristo di Campobello in Deutschland erhältlich bei Weinhandel Fertsch. In Österreich leider noch nicht.

Bemerkenswert war auch CASTEL VENUS vetreten durch die nicht minder charmante Dottoressa Patrizia Simonte. Gefallen haben hier die modern verarbeiteten Weißweine Grillo und Catarratto 2010, die sich durch Frische, intensive Fruchtaromatik und ansprechende Säure absolut schön präsentierten. Die Roten waren recht anständig, der Nero d´Avola 2009 OK, der Ubi Major (Frappato) 2008 mit neuem Holz sehr schön.

Dann wäre da noch NICOSIA, vertreten durch den eloquenten Giuseppe Monaco. Das 50 Hektar große Weingut bietet Weine unter den Brands NICOSIA und FONDO FILARA alles quer durch den Gemüsegarten der sizilianischen Rebsorten. Als angebliche Nr. 1 beim Absatz von sizilianischem Nero d´Avola setzen sie jährlich immerhin 500.000 Flaschen ab. Gut gefallen hat mir Etna Rosso 2008 – für den österreichischen Markt vielleicht etwas zu viel Säure – und Nerello Mascalese 2009 aus dem Sortiment FONDO FILARA. Ich würde sagen, die Weine sind allesamt fruchtbetont, blitzsauber mit einiger bis mittlerer Säure.

Einzelne erwähnenswerte Weine wären noch SANTA NINFA Syrah 2009 und Nero dá Avola um wirklich kein Geld, DON SARO Ante Bianco 2009, VACCARO Luna Gialla (Catarroto & Chardonnay) 2010 und LOMBARDO Passa di Nero, ein roter Passito-Wein aus Nero d´Avola.

Die anderen Einkäufer aus USA und Europa mit denen ich gesprochen habe, sahen das ähnlich, zu finden war aber für jeden etwas, und das ist ja die Idee der Veranstaltung. Kritisiert wurden lediglich teilweise absurde Preisvorstellungen „besseren“ Produzenten, die absolut nicht konform mit den Anforderungen der Exportmärkte gehen. Ich sehe das irgendwie auch so, konnte aber trotzdem Weine unter 2 Euro finden, über die man sich Gedanken machen kann. Irritierend war für Italien-Unerprobte das Rabattsystem das ungefragt zwischen 10 und 50! Prozent pendelte.

Zusammenfassend kann man sagen, daß das Niveau durchschnittlich bis sehr gut war, einige Ausreißer nach unten und doch nicht so wenige oxidative Rotweine kann man getrost unerwähnt lassen.

Endlich die darauffolgenden 2 Tage mit den wunderschönen „Field trips“! Nicht unanstrengend, weil man dauernd essen und trinken muß … du hast ständig irgendwo ein Buffet aufgebaut und kannst nicht anders, als von den Köstlichkeiten zu naschen. Somit bist du eigentlich satt, wenn das „echte“ Essen kommt, kannst aber auch wieder nicht anders als dann doch was zu essen. Ich sag nur: „2 Kilo plus in 3 Tagen!“ – und ich bin ein schlechter Futterverwerter!

dsc08480 Gesehen haben wir die winzige Insel Mozia mit  ihrer Lagune und dem Salzmuseum. Wunderbares Wetter, super Jausen, ein bisserl Booterl gefahren, rote Birne von der ungewohnten Sonnen geholt, etc. – einfach herrlich!

Irgendwann danach waren wir in einem Weingut, das zwar imposant, aber von den Qualitäten nicht erwähnenswert ist. Sagen wir einfach: „Ich kann mich nicht mehr erinnern.“

Dann rauf in die Berge nach Erice, ein altes Städtchen mit ganz viel Vergangenheit. Das Wetter war leider furchtbar feucht. Trost gefunden haben wir in der örtlichen Enoteca bei Weinen und Futter … weiter zum Nachtmahl und anschließend zur Nachtruhe ins RESORT BAGLIO ONETO, ein zum Weingut gehörender großzügiger Übernachtungsbetrieb der PRINCIPI DI SAN LORENZO, in Contrada Baronazzo Amalfi, einem Ortsteil von Marsala.

Am Morgen gleich nach Marsala um in der Enoteca STRADA DEL VINO MARSALA eine kommentierte Marsala-Verkostung zu bekommen und unprofessionell den Alkoholspiegel wieder anzuheben. Geht recht schnell mit 19 Umdrehungen! Unprofessionell hin oder her, es soll ja auch Spaß machen!

Ab in die TONNARA DI SCOPELLO, eine aufgelassene Thunfisch-Fischerei, an einem wunderschönen Platz mit Buffet im Freien.

Dann ist es passiert: Auf meinem Schummelzettel stand „light lunch“. Ich dachte mir: „Das Angebotene ist nicht leicht, sondern es sind auch frittierte Sachen dabei … schau daß du satt wirst, wer weiß wann du wieder etwas bekommst … nimmst ein paar Schluckern Wein dazu und das Leben ist gut zu dir!“. Nur: Nach dem „light lunch“, der mir eine beträchtliche Wölbung oberhalb der Gürtellinie veruracht hat, kam dann tatsächlich der Lunch. Hier hab ich denn eher nur mehr herumnaschen können … und von wegen leicht! Die Pasta mit Schwertfisch, OK; aber die Kalamari sind möglicherweise nur dann leicht wenn sie nicht frittiert sind. Also waren sie mindestens mittelgewichtig! Na ja – ich hab´s überlebt!

Retour nach Palermo, eine Stunde rasten und ab zur Schlußveranstaltung auf die Piazza San Franceso um vor dem „mafiafreien“ berühmten Lokal ANTICA FOCACCERIA SAN FRANCESCO deren Küche zu genießen und ein paar Weine selektiv zu schlucken. Spannend war das Milzsemmerl mit Ricotta und geschmorter Milz gefüllt, die Flüssigkeit rausgedrückt und gegessen. Die Wartezeit von 1 ½ Stunden aufgrund organisatorischer Mißverständnisse war gut mit Kollegen und Bierchen zu überbrücken.

Dank Michèle Shah war das Ganze aber großartig organisiert, wobei sie, was den Termin für die abschließende Abendveranstaltung betraf, fast am italienischen Personal gescheitert ist! ;-) Alles in Allem eine gelungene Veranstaltung – keine Minuspunkte!

Veranstalter: IRVV (Instituto Regionale della Vite e del Vino)
Organisation: Michèle Shah (Gewinnerin des „Grandi Cru d´Italia Awards 2009“ als beste internationale Journalistin).

Artikel erstellt von Gerald Bayer im März 2011.

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