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Riesling all over the world.

Geisenheim war der Riesling-Nabel der Cyber-Welt.

In der deutschen Weinhochburg Geisenheim fand das erste Riesling Worldwine Wine Event statt. Und zwar multimedial und live.

Riesling all over the world.


Notizen vom ersten weltweiten Riesling Event. Das muss man sich so vorstellen: In der deutschen "Riesling Zentrale", der Wein-Fachhochschule Geisenheim im Rheingau, treffen sich Weinproduzenten, Journalisten und Weinliebhaber aus der ganzen Welt, um Rieslinge aus der ganzen Welt miteinander zu vergleichen.

Das Treffen findet aber nicht nur "menschlich-lebendig-zum angreifen" statt, nein auch per Internet. Damit das funktioniert, gab es die Möglichkeit eine Musterkiste mit den 12 ausgewählten Rieslingen zu ordern. Mit diesen Rieslingen setzten sich dann Weinfreunde weltweit vor den Bildschirm und verkosteten parallel zu uns, die wir nicht nur virtuell, sondern mit vollem Körpergewicht, Nase und Gaumen live in Geisenheim vertreten waren.

Wenn auch mit einigen technischen Schwierigkeiten verbunden, die Übung gelang. Über das Netz diskutierten Menschen von Australien über Südafrika bis Californien mit uns Europäern. Per Webcam eingespielt oder per Chat.

Wir im Saal bekamen das ganze auf grossen Viedeowalls eingespielt, erstaunlich locker und eloquent moderiert von Prof.Dr. Schultz, einem der Uni-Professoren der Fachhochschule Geisenheim. Ihm gebührt wirklich grosses Lob, nicht nur, weil er alle technischen Schwierigkeiten mit Verve umschiffte, sondern auch für seine Live-Interviews von tatsächlich und virtuell anwesenden Weinproduzenten. Mit seinem Fachwissen und seiner offenbar angeborenen Neugier moderierte er, als ob er eine tägliche Live-Show im Fernsehen hätte.

Im Saal sassen mehrheitlich deutsche Winzern, bunt vermischt mit uns eingesprengten Weinschreiberlingen aus mehreren Nationen, was natürlich reichlich Zündstoff ergab. Das liess uns die Veranstaltung noch viel mehr lieben. Speziell beim letzten Wein, einem californischen Riesling, der im Barrique ausgebaut wurde, schlugen die Wellen hoch.

Als Schreiber dieser Zeilen bedanke ich mich für die Einladung und freue mich schon auf die nächste Veranstaltung, die dank einiger Sponsoren doch wieder stattfinden sollte. Ich wüsste noch einige Rieslinge, die Web-verkostet werden sollten. Die Möglichkeit mit Weinfreunden rund um den Globus gleichzeitig Weine zu verkosten, ist einfach ein Kick, wie meine Tochter sagen würde. Auch wenn ich jetzt noch abschliessend einen Vorreiter dieser Idee vor den Vorhang holen muss, der schon seit geraumer Zeit mit seiner Wein-Webside www.wein-plus.de im kleineren Rahmen ähnliches macht. Utz Graafmann aus Erlangen erfand nicht nur das Weinforum, in dem sich inzwischen täglich an die 4.000 Wein-Interessierte tummeln, sondern auch den Wein-Stammtisch, bei dem monatlich ca. 300 Personen gemeinsam Weine live on web verkosten.

Die Wertung:

Riesling 2000 Julius Eden Valley, C.A. Henschke, Süd-Australien


Ein Riesling aus dem Barossa-Valley. Die Henschkes, ursprünglich schlesischen Ursprungs, sind heute aus der australischen Weinszene nicht wegzudenken. Die heutige Generation Prue und Stephen Henschke haben auch zwei Jahre Ausbildung in Geisenheim absolviert.

Duftige Nase, relativ typisch nach Steinobst mit deutlichen Zitrusaromen (Zitronensäure), am Gaumen ein schönes Frucht-Süsse-Säure-Spiel, bei dem ich mir mehr Mineralik wünschen würde. Mittellang. Erinnert an frühe Wachauer Steinfedern. 82 Punkte.

Riesling 2000 Lenswood Green´s Hill, C.A. Henschke, Süd-Australien

Wenn es auch kaum zu glauben ist, so ist doch der Riesling die drittmeist angebaute Weisswein-Sorte Australiens. Nach dem dominierenden Chardonnay liegt Riesling mit Semillon fast gleichauf. Dieser kommt aus dem Eden Valley und Lenswood.

Wieder typische Riesling-Nase, fruchtbetonte Primär-Aromen, die nicht weiter verwunderlich sind, wird doch der Most auf ca. 18 Grad angewärmt um einen raschen Gärstart zu ermöglichen, während der Gärung wird aber auf 13-15 Grad abgekühlt. Für Freaks: es wird Reinzucht-Hefe verwendet. (Schön, was man über Internet-Live-Schaltung alles erfahren kann, oder?)

Am Gaumen wirkt Madame Lenswood sehr cremig, fast fett. Mit zarter Mineralik und rassiger Säure spielen die Aromen noch lange nach. 84 Punkte.

1998 Laubenheimer Karthäuser Riesling Spätlese trocken, Weingut Tesch, Langenlonsheim, Nahe, Deutschland

Die Nahe ist das "trockenste" Weinbaugebiet Deutschlands, das aber auch die vielfältigsten Bodenarten aufweist. Daher sind Nahe-Riesling auch immer sehr verschieden, selbst wenn man Weine aus demselben Ort vergleicht. Das Weingut Tesch ist seit 250 Jahren im Familienbesitz und konzentriert sich auf die Sorte Riesling.

Verhaltene Steinobst-Nase mit zarter Mineralität. Mild, aber sehr schön ausbalanciert zwischen Frucht und Mineralik, Zucker und Säure, nicht gross, aber ein Wein, der Spass macht. 85 Punkte.

1999 Grans-Fassian, Catherina, Riesling Qualitätswein, Weingut Crans-Fassian, Leiwen an der Mosel, Weinbaugebiet Mosel-Saar-Ruwer, Deutschland

Wer jemals an der Mosel war, beneidet die Winzer dort sicher nicht um ihre Handarbeit in den extremen Steillagen. Grossartige Weine kommen aus diesem ehemals berühmten, heute wieder im Aufwind befindlichen Gebiet. Leider zählt dieser Wein für mich nicht dazu.

Verschlossene Nase mit deutlichem Frucht-Böchser. Auch wenn dieser im Laufe der Zeit schwindet, bleibt doch am Gaumen ein süsslicher, unausbalancierter Wein mit leichtem Gerbstoff-Bitterl, der zwar relativ lang ist, aber insgesamt doch unharmonisch wirkt. Keine Lust auf das nächste Glas. Aus diesem Weingut kenne ich viel bessere Weine. 78 Punkte.

Riesling Smaragd, Weissenkirchner Ried Klaus, Weingut Prager, Weissenkirchen, Wachau, Österreich

Die Wachau ist ein Teil des Donau-Tales, in dem auf knapp 30 Kilometer Länge extreme Terassen für den Weinbau angelegt sind. Mindestens seit dem 9. Jahrhundert nach Christi Geburt wird hier Weinbau betrieben und die Weine der Wachau zählen zu den Top-Weissweinen der Welt. Durch die kargen Bodenverhältnisse wurzeln die Stöcke extrem tief und fördern somit eine einzigartige Mineralik zutage.

Einer, der sich mit dem Terroir der Wachau mehr als intensiv beschäftigt, ist Toni Bodenstein, der Schwiegersohn von Doyen Franz Prager, der mit seiner Frau das Weingut heute führt und dafür Auszeichnungen auf der ganzen Welt einheimst. Aber selbst als Fan und Patriot kann ich die Auswahl für diesen Event nicht gutheissen, präsentiert sich doch der gute Jahrgang 1999 im Moment so, als wäre er gerade auf Urlaub. Trotzdem kann man erahnen, welch grosser Wein hier entkorkt wurde.

Sehr verhaltene, aber typisch mineralische Nase, im Moment kaum Frucht. Am Gaumen dicht und lang, strukturiert, die Aromen von der extremen Mineralik der Urgesteinsböden unterstützt. Der hohe Alkoholgehalt fällt überhaupt nicht auf, der Wein tänzelt fast leichtfüssig lange ab. 92 Punkte.

Riesling Smaragd Weissenkirchner Ried Steinriegel, Weingut Prager, Weissenkirchen, Wachau, Österreich

Bei diesem Wein trifft das vorher geschriebene noch mehr zu. Der Wein ist im Moment einfach nicht zu verkosten. Bitte in 2 Jahren nochmals probieren.

Schillernde pure Mineralik, die Pfirsich-Frucht kann man im Moment höchstens erahnen. Sowohl in der Nase, als auch am Gaumen verhalten. Einfach "zu", wie wir Schreiberlinge sagen. Die Mineralik und die schöne Säure werden später einmal diesen Wein zu Höchstbewertungen führen. Im Moment leider "nur" 88 Punkte.

Rhine Riesling 2000, De Wershof Estate, Robertson, Süd-Afrika

Da viele deutschstämmige Winzer in Süd-Afrika leben, ist der Riesling relativ weit verbreitet. Auch wenn wegen der Klimaverhältnisse künstlich Säure zugegeben werden muss, sind doch die Böden teilweise sehr gut für diese Sorte geeignet. Dieses Weingut liegt nahe beim südlichsten Punkt Afrikas - und wie könnte es anders sein - der derzeitige Chef Dany de Wet studierte in Geisenheim.

Schöne, fruchtige Steinobst-Nase, leichte Mineralik, typisch für die kalkhaltigen Böden, die mit Kies durchsetzt sind. Komplexe Würzigkeit und schöne Harmonie am Gaumen. Im Endeffekt wäre es mir hier lieber gewesen, die Leitung hätte nicht funktioniert und ich hätte weiter geglaubt, dass dieser Wein dort ohne Zugabe von Weinsäure entstand. Allerdings ist es ja auch ein Kompliment, wenn man das nicht merkt. Ein schöner Wein, der einlädt, noch ein paar Gläschen mehr davon zu trinken. 87 Punkte.

Riesling 1997 Grand Cru Florimont AOC, Vins d´Alsace, Ammerschwihr, Elsass, Frankreich

Das Weinbaugebiet Elsass ist ein bisschen aus der Mode gekommen. So altmodisch, wie die Etiketten erscheinen die Weine. Das ist bei vielen Weinen mehr als ungerecht. Vielfältige Böden, von Granit bis Gneis, Schiefer und Sandstein garantieren eigentlich wunderbare Vielfalt. Das Klima ist sonnig und warm mit relativ wenig Niederschlag und daher für eine hohe Reife und fruchtige, extraktreiche Aromen prädestiniert. Der Riesling nimmt Platz 1 ein und ist bekannt für seine lange Lebensdauer.

Umso erstaunlicher die Auswahl gerade dieses Weines. Nichts, wirklich nichts von all den Vorzügen dieser Grand Cru Lage kam bei der Verkostung zutage. Ein wirklich atypischer Elsässer, ich kenne viele wesentlich bessere.

Vanillige Kräuternase, keine Fruchttöne, am Gaumen buttrig, cremig, hat mit Sicherheit zumindest zum Teil einen biologischen Säureabbau hinter sich. Genau diese Säure fehlt dem Wein auch. Stattdessen eigenwillige Aromen und eine heftige, zartbittere Bissigkeit am Schluss. Schade, aus dieser Lage muss es besseres geben. 76 Punkte.

Schloss Vollrads Riesling Kabinett trocken, Weingut Schloss Vollrads, Rheingau, Deutschland

Der Rheingau ist bekannt für seine wunderbaren Rieslinge, die auf sehr mineralischem Terroir aus Schiefer, Quarzit, Kiesel und Sandstein unglaublich rassig und spielerisch wirken können. Unter neuem Guts-Management zeichnet sich hier ein Qualitäts-Aufschwung ab. Typisch dafür ist dieser, doch eher einfache trockene Kabinett-Riesling.

Frische Nase, Frucht, Kräuter, rote Beeren und ein gemischter Blumenstrauss duften aus dem Glas, dass man gar nicht mehr aufhören möchte daran zu riechen. Am Gaumen beweist dieser Wein, dass es auch mit 11,5% möglich ist, einen vollmundigen, kräftigen Wein zu keltern. Die Früchte tanzen mit den mineralischen Aromen und der knackigen Säure ziemlich lange um die Wette. Für mich die positive Überraschung der Veranstaltung. 90 Punkte.

Forster Kirchenstück Riesling Spätlese trocken 1999, Weingut Eugen Müller, Forst, Weinbaugebiet Pfalz, Deutschland

Die Pfalz zählt zu den grössten deutschen Weinbaugebieten. 21% davon sind mit Riesling bestockt. Muschelkalk und Schiefer sorgen für kräftige Mineralik, das milde Klima für schöne Fruchtaromen. Das Kirchenstück zählt zu den besten Lagen der Gegend. Vater und Sohn Müller sind Geisenheim-Absolventen und Verfechter des klassischen Ausbaus in grossen Holzfässern.

Hier gilt, ähnlich, wie bei Prager, der Wein sollte noch mindestens 2-3 Jahre reifen. Im Moment zeigt er relativ wenig und man muss schon ein sehr erfahrener Verkoster sein, um diesen Wein richtig einzuschätzen. Ähnlich, wie der Wachauer und der Elsässer löste dieser Wein grosse Diskussion an unserem Tisch aus.

Sehr verhaltene terroirbetonte Nase, würzig, Kräuter, erdige Töne. Wirkt im Mund im Moment sehr breit ohne die spielerische Eleganz, die ich dem Wein später einmal zutraue. Derzeit unharmonisch und im Abgang geprägt von (zu) heftiger Säure.

Diesen Wein bitte nochmals in ein paar Jahren. Punkte derzeit leider nur: 78.

Pacific Rim Riesling 1999, Bonny Doon Vineyard, Santa Cruz, California, USA

Kalifornien ist nicht unbedingt bekannt für seine Spitzen-Rieslinge, und die Gegend südlich von San Francisco nicht einmal als wirklich gute Weingegend. Das lässt den Inhaber Randal Grahm allerdings völlig kalt. Als "Weinspinner" im positiven Sinn, nützt er das relativ lockere Weingesetz voll aus.

Schon wenn die Flasche auf den Tisch kommt, weiss man, da kommt jetzt kein "normaler" Riesling. Eine hellbraune Bordeaux-Flasche gespickt mit einer Unzahl kleiner durchsichtiger Plastik-Pickerl auf denen, kaum leserlich, all das draufsteht, was die amerikanischen Behörden drauf haben wollen (Warning: don´t drink and drive usw.)

Auch der Inhalt ist nicht "normal". Denn Riesling wächst nun einmal überall anders besser als hier. No Problem. Fliegen wir halt 60% von der Mosel ein, mischen es mit einem Teil aus Washington State und ein bisserl von hier. Daraus keltert der "Wein-Wahnsinnige" dann seinen einfachen Riesling. Und ob uns das schmeckt oder nicht, er verkauft davon ein paar hunderttausend Flaschen.

Und die Diskussion brandet am Tisch wieder richtig auf.

Den Geruch kann ich nicht wirklich zuordnen, viel vordergründige Frucht, aber was genau? Am Gaumen sehr aromatisch und verspielt. Typischer Riesling mit viel Säurespiel, frisch und fruchtig, geht mittellang ab. Schlecht? Nein, ein bissl ungewohnt vielleicht, aber in Kalifornien auf der Terrasse zum Salmon..... Lockere 82 Punkte.

Critque of pure Riesling 1999, Bonny Doon Vineyard, Santa Cruz, California, USA

Die absolute Herausforderung für die Diskussionsrunden. "Das ist doch kein Riesling" war noch das harmloseste, was wir vernahmen. Ein Riesling, gewachsen in Washington State, verarbeitet in Kalifornien und das noch dazu in lauter neuen Barrique-Fässern, das geht doch nicht. Riesling im Barrique! Skandal! Dass schon der Name "critique of pure riesling" eigentlich alles sagt und dass es in Deutschland und Österreich ganz tolle Rieslinge im Barrique gibt, wird plötzlich vergessen. "So hamma des no nia gmocht, so geht des ned" würde es etwas südlicher von Geisenheim wahrscheinlich heissen.

Im Umkreis von ca. 10 Tischen a 12 Personen gab es nur 2 Leute, die diesen Wein grossartig fanden. Einer davon war ich, der zweite mein Freund und Kollege Marcus Hofschuster. Gerade noch kamen wir ohne teeren, federn oder steinigen zum Abendessen.

In der Nase alle typischen Töne der amerikanischen Eiche, gepaart mit der Frucht und Extraktsüsse eines sehr reifen Rieslings. Ungewohnt, aber schön. Am Gaumen ein perfekt ausbalanciertes Spiel von Dichte, Würze, Frucht und verhaltener Säure, wäre da nicht dieser ungewohnte Rieslington, könnte man in Richtung junger Chardonnay tippen.

In meinen Notizen steht: "Wenige Leute werden diesen Wein verstehen, aber das ist sauber gemachter grossartiger Stoff" und ich habe mir 2 Flaschen zum herzeigen bei Winzern in Österreich gekauft. 89 Punkte.

Alles in allem eine sehr gelungene Veranstaltung. Ich freue mich auf die nächste.
Geisenheim im März 2001.
© by Helmut Knall
last modified: 2007-07-18 12:06:44

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