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Aktuelles aus Italien II.

Brunello: Was in Montalcino wirklich los ist.

Andreas März, Chefredakteur von Merum, Zeitschrift für Wein und Olivenöl aus Italien, lebt und arbeitet in der Toskana und hat uns dankensweiterweise einen Kommentar zu den laufenden Untersuchungen in Montalcino übermittelt, den wir Ihnen natürlich nicht vorenthalten wollen.

Aktuelles aus Italien II.
Andreas März, Chefredakteur Merum. (Copyright: Jean-Perre Ritler, Merum)


(26. April 2008, Merum, Die Zeitschrift für Wein und Olivenöl aus Italien)

Im italienischen Magazin "L'Espresso", das Anfang April 2008 pünktlich zur Eröffnung der Vinitaly erschien, wurde zusammen mit den 70 Millionen Flaschen Panschwein auch über den Skandal von Montalcino berichtet und im gleichen Atemzug auch Dioxin-Käse, gefälschter Süßwein sowie der Methanolskandal vor 20 Jahren erwähnt. Dieser Bericht diente den Redaktionen als hauptsächliche, den meisten als einzige Informationsquelle. Andreas März vermutet, dass die peinliche Geschichte von Montalcino ohne die kriminelle publizistische Gesellschaft kaum das Zeug zu einem Skandal gehabt hätte.


Das Konsortium hat zu kontrollieren.

Im Jahr 2004 wurde das Brunello-Konsortium vom Landwirtschaftsministerium mit der Echtheitskontrolle über die gesamte Produktion beauftragt. Das neue Gesetz, auch "erga omnes" genannt, sorgt dafür, dass nur noch so viel Wein erzeugt werden kann, wie Trauben zur Verfügung stehen... Mit anderen Worten: Bei Appellationen, die von Konsortien mit "erga omnes" kontrolliert werden, besteht eine hohe Aussicht auf Echtheit des Weins. (Mehr darüber in Merum 4/2006.)

Diese Kontrollen finden nicht nur im Keller, sondern auch im Weinberg statt, wo bereits im Sommer der potentielle Ertrag geschätzt wird. Im Herbst werden die Erntedeklarationen der Winzer mit den Schätzungen der Kontrolleure verglichen, bei größeren Abweichungen wird nachgeprüft und bei Ungereimtheiten erfolgt Meldung an die Betrugsbekämpfungsbehörde des Landwirtschaftsministeriums.
Das neue Kontrollsystem ist weit effizienter als die bisherigen DOCG-Kontrollen und in seiner Art geradezu vorbildlich für alle Appellationsweine. Allerdings sind die Kontrollen kostspielig und zeitaufwendig. Bis zum heutigen Zeitpunkt wurden von den insgesamt 2000 Hektar Brunello 1667 Hektar, buchstäblich Rebzeile für Rebzeile kontrolliert.

In 93 Fällen wurden laut Auskunft des Konsortiums größere und kleinere Ungereimtheiten festgestellt, wovon in 89 Fällen die Unstimmigkeiten vom Winzer in Ordnung gebracht werden konnten. Dabei handelte es sich in den meisten Fällen um harmlose Abweichungen der Weinbergsgrenzen vom Weinbergskataster, um alte Weinberge, in denen zum Beispiel noch einzelne Trebbiano-Stöcke aus Vor-Brunello-Zeiten stehengeblieben waren oder um die falsche Berechnung der Weinbergsfläche.

In vier Fällen waren die Beanstandungen jedoch ernsthafter Natur, auf 17 Hektar wurden außer Sangiovese auch andere Sorten vorgefunden. Diese Fälle meldete das Konsortium vergangenen Herbst der zuständigen Behörde des Landwirtschaftsministeriums. Dort erachtete man die Übertretungen für so schwerwiegend, dass man sie an die Staatsanwaltschaft Siena weiterleitete.

Der Staatsanwalt schickte die Finanzpolizei nach Montalcino und diese soll - so die inoffiziellen Informationen - nach ausgiebigen Kontrollen im ganzen Produktionsgebiet bei vier größeren Betrieben Kelleraufzeichnungen gefunden haben, die unerlaubte Sortenverschnitte dokumentierten. Zudem sollen den Ermittlern belastende Aussagen von Kellerpersonal zur Verfügung stehen.
Daraufhin ließ Staatsanwalt Nino Calabrese bei vier Betrieben - ihre Namen stehen in allen Zeitungen: Antinori, Argiano, Banfi, Frescobaldi - die bereits versandbereite Produktion an 2003er Brunello beschlagnahmen, insgesamt rund eine Million Flaschen.


Schutzkonsortium mitverantworlich?

Im L'Espresso stand zu lesen, dass auch gegen Konsortiums-Verantwortliche ermittelt würde, weil sie bei den Kontrollen ein Auge zugedrückt hätten. Stefano Campatelli, Direktor des Konsortiums von Montalcino, verneint im Gespräch mit Merum kategorisch, dass die Untersuchungsbehörden gegen ihn oder andere Angestellte des Konsortiums ermitteln würden.

Wer weiß, wie lange Brunello bereits mit fremden Sorten gemischt wird? Gemunkelt wird darüber jedenfalls schon seit Langem. Interessant für das Verständnis der Sachlage ist aber nun, welcher Umstand diesen Missbrauch ausgerechnet jetzt ans Tageslicht fördert!
Es besteht ein entscheidender Unterschied darin, ob Montalcino von außen auf frischer Tat ertappt wurde, oder ob die Säuberungsaktion aus eigenem Antrieb, also von innen heraus erfolgt ist. Alle derzeit verfügbaren Informationen lassen darauf schließen, dass die illegalen Brunello-Cuvées aufgrund der Kontrollen des Konsortiums aufflogen.

Einen Vorwurf muss man sich beim Konsortium trotzdem gefallen lassen: Auch wenn dies die erste richtige Krisensituation ist, mit der man sich beim Konsortium in Montalcino seit Bestehen konfrontiert sieht, das Krisenmanagement war katastrophal. Statt in schwammigen Stellungnahmen zu betonen, dass alles unter Kontrolle sei, dass man in Qualität investiere und man in der ganzen Welt Erfolg habe, hätte der Präsident sich der Presse stellen und stolz verkünden sollen, dass man gerade eben den Beweis geliefert habe, dass die neuen Kontrollen funktionieren und man nicht davor zurückschrecke, selbst die größten Mitglieder und die prominentesten Namen zur Ordnung zu rufen.

Leider zog man es vor, den Kopf in den Sand zu strecken und abzuwarten, bis der Sturm sich verzieht. Wenn nun der Präsident des Konsortiums ausgerechnet der Besitzer eines der vier in die Schlagzeilen geratenen Unternehmen ist, dann ist das natürlich ausgesprochenes Pech...


Verhältnismäßigkeit und Empörung.

Falls die Ermittlungen bestätigen, dass eine Million Flaschen Brunello statt aus 100 Prozent Sangiovese nur aus 80 oder 90 Prozent bestehen, dann liegt nicht ein Kavaliersdelikt, sondern Betrug vor. Für die Betroffenen, vier renommierte Betriebe, wäre es äußerst peinlich, bei einem derart dummen Vergehen erwischt worden zu sein. Seit Jahren hört man davon, dass manche Produzenten es mit der Sortenreinheit nicht allzu ernst nehmen. Man war also gewarnt und es bestand genügend Zeit, sich in Weinberg und im Keller dem Gesetz anzupassen. Wer sich auf frischer Tat hat ertappen lassen, hat nicht nur die Strafe, sondern auch den Spott verdient.

Die langjährigen Gerüchte verbitterten nicht nur die Puristen unter den Produzenten, sondern nagten wie Karies am guten Ruf des Brunello. Falls sich der Verdacht gegen die vier Weingüter tatsächlich erhärten sollte, dann bin ich stinkesauer auf diese Leute. Klar, sie haben niemanden vergiftet, klar, sie haben ihre Weine nicht verdünnt, sondern aus ihrer Sicht verbessert, und klar, sie haben nichts Schlimmes angestellt, sie haben sich nur in eiskalter Arroganz über die kollektiven Regeln hinweggesetzt und - in der überheblichen Überzeugung, ihnen könne keiner was - der Appellation großen Schaden zugefügt.

Ausgerechnet in den letzten Wochen wurde wieder die Forderung laut, die Produktionsregeln müssten modernisiert werden, sie seien veraltet und würden den Anforderungen nicht mehr genügen. In anderen Worten: Wie Ende 1999 für Barolo und Barbaresco, soll die Reinsortigkeit des Brunello aufgeweicht werden und so offenbar die kollektiven Regeln an die illegalen Usanzen weniger Produzenten angepasst werden. Aber wie damals die große Mehrheit der Barolo- und Barbaresco diese Dummheit zu verhindern vermochte, werden sich auch die meisten der 250 Brunello-Winzer gegen diese Banalisierungsbestrebungen zur Wehr setzen.


Weshalb Merlot in den Brunello?

Der Präsident des Konsortiums, Francesco Marone Cinzano, erklärt sich die unerlaubte Vermischung des Brunello mit anderen Sorten so: Da 2003 ein extrem mageres Jahr war, sei vorstellbar, dass einige Produzenten den mangelnden Brunello mit anderen Weinen des Betriebes ersetzt hätten. Man muss sich das wohl so erklären, dass für den DOC-Wein Sant'Antimo bestimmte Partien verbotenerweise mit Brunello vermischt wurden.

Eine andere Interpretation ist diese: 30 Prozent der Brunello-Produktion wird nach Nordamerika exportiert. Aber ein ebenso großer Anteil wird von Neu-Weintrinkern in Italien, Europa und anderswo gekauft. Neu-Weintrinker, egal ob in USA oder in Europa, sind eher für starke Reize empfänglich und wissen mit Feinheiten wenig anzufangen. Die Brunello der klassischen - nördlichen und hohen - Lagen sind jedoch alles andere als mehrheitsfähig, sondern setzen Brunello-Kenntnisse und Liebe für die Besonderheiten dieses Weins voraus. Diese eher hellfarbenen, eleganten Gewächse sind den langjährigen Brunello-Freunden vorbehalten.

Neu-Weintrinker wissen zwar, dass Brunello heißer Stoff ist, aber wirklich ihr Geschmack ist dieser hellfarbene, säure- und tanninreiche Original-Brunello nicht. Im Glas möchten sie Dunkles schwenken, in der Nase Bekanntes riechen - Röstung funktioniert immer! - und im Mund möglichst viel schmecken. Die südlichen, tieferen Lagen kommen diesem Geschmack gut entgegen. Der marmeladige Charakter der Südhang-Brunello hat bei Weinführern und Neu-Trinkern Erfolg. Aber das reichte manchem Kellermeister offenbar nicht: Um die überreife Sangiovese-Frucht und die unvermeidliche Neuholzwürze etwas abzurunden, war der "Schuss" Merlot genau das Richtige.

Fast alle fanden diese Formel Spitze, die Weinjournalisten, die Endkundschaft und damit auch die Händler. Nur die Gesetzeshüter haben jetzt an diesem Erfolgsrezept etwas auszusetzen...


Der Schaden.

... für die Verbraucher: Einmal mehr sind sie - aber auch Journalisten und Händler - einem Etikettenschwindel aufgesessen. Es handelt sich zwar nicht um minderwertige Ware wie beim "Extra Vergine" der Discounter, sondern um Qualitätswein (falscher Sorten), aber die Käufer von ungesetzlichem Brunello fühlen sich zu recht betrogen.

... für die Verdächtigen ist groß. Zu hoffen ist deshalb, dass die heute Verdächtigten tatsächlich schuldig sind. Andernfalls wäre ihre öffentliche Verurteilung durch die Medien ein verhängnisvoller "Justizirrtum".

... für Montalcino: Der größte Teil des Schadens fällt auf die Bevölkerung von Montalcino. Vier Unternehmen werden verdächtigt, ihrem Brunello zehn oder zwanzig Prozent Merlot, Petit Verdot und andere Sorten beigegeben zu haben und 2500 Familien - Angestellte, Winzer, Arbeiter -, deren Existenz direkt vom Erfolg des Brunello abhängig ist, sind betroffen.

Und was wird mit dem beanstandeten Wein passieren? Falls sich nachweisen lässt, dass die beschlagnahmten Flaschen nicht reinsortige Sangiovese sind, werden sie wohl zu Sant'Antimo DOC deklassiert und zu günstigerem Preis etwas verspätet auf den Markt gelangen. Denn auch wenn Sangiovese mit Cabernet "verseucht" wurde, ist der Wein der menschlichen Gesundheit ebensowenig abträglich wie reinsortiger Brunello...


Eines Skandals Ende.

Nachdem seit Jahren dieser oder jener Produzent insgeheim verdächtigt wurde, seinen Brunello mit fremden Rebsorten zu "verbessern", ist mit der Geheimniskrämerei nun Schluss. Dank dem neuen Kontrollsystem, dem Konsortium, der Behörde für Betrugsbekämpfung des Landwirtschaftsministeriums und einem unnachgiebigen Staatsanwalt wurde der Missstand ans Tageslicht befördert und kann endlich ausgemerzt werden. Ich glaube optimistisch, das diese Vorfälle als "Ende mit Schrecken" und nicht als "Schrecken ohne Ende" verstanden werden dürfen.

Originaltext: Andreas März, Chefredakteur Merum.
Anmerkung: Kommentare sind die persönliche Meinung des jeweiligen Verfassers und müssen sich nicht zwingend mit der Meinung der Wine-Times-Redaktion decken. Auch wenn sie es meistens tun.
© by Helmut Knall
last modified: 2008-04-27 02:02:51

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