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Kein Nachruf.

Bernhard Breuer 1946-2004.

Kein Nachruf. Wahrscheinlich wäre es ihm am liebsten, wenn ich jetzt einfach die Beschreibung seiner aktuellen Weine veröffentlichen würde; tu ich aber nicht. Ich möchte lieber eine Geschichte erzählen...

Kein Nachruf.


Wien, 22.Mai 2004. Vorgestern sassen wir in London beim Dinner nach einem Wine-Trade-Fair-Tag, Alois und Gerhard Kracher, Kurt Angerer, Noel Young, Michael Thurner und ich – so wie jedes Jahr, bestellte jeder eine Flasche Wein. Einer davon war Breuers Montosa 1999. Alle waren begeistert. Tags darauf am Flughafen klingelte mein Handy und ich erfuhr, dass Bernhard Breuer gestorben war.

Nein, ich erzähle jetzt nicht, dass er einer der besten Winzer der Welt war, auch nicht, was er mit seinem qualitätsorientierten Denken alles Positives in Deutschlands Weinwirtschaft ausgelöst hat, dass er der Motor hinter dem Rheingau-Festival war, und auch nicht, was alles sowieso schon von vielen Anderen geschrieben wurde - und wird, dazu finden Sie passende Links am Ende dieser Geschichte. Ich möchte Ihnen erzählen, wie ich diesen quirligen, drahtigen Menschen näher kennen- und auf eine eigene Art lieben gelernt habe, der nicht nur mir fehlen wird.

Was mich mit Bernhard Breuer verbindet ist ein alter VW-Bus. Hässlich, grün, mit vielen Kilometern am Buckel. Vollgeladen mit Zeug, bestimmt für das neue Weingut in Portugal, das er mit Bernd Philippi gekauft hatte. Es war Juni 2001 und der letzte Tag der Vinexpo in Bordeaux, als mich Bernhard fragte: „Du Knalli, ich fahre jetzt über Spanien nach Portugal in unser neues Weingut im Douro-Delta, willst nicht mitfahren.“ Natürlich stornierte ich meinen Rückflug und quetschte mich neben Rui Cunha, den Junior-Partner der Quinta da Carvalhosa, wie das portugiesische Weingut heisst, auf den Beifahrersitz des VW-Bus.

Am Weg durchs Baskenland mussten wir einmal kurz in einem Restaurant essen, weil Bernhard den Koch beim nächsten Rheingau-Festival vorstellen wollte. So ganz beiläufig trafen wir Steve Metzler, den amerikanischen Importeur Breuers, der uns den Weg zu Bodega Breton, einem der besten Rioja-Produzenten ebnete - aber auch zu Angel Rodriguez Vidal, dem Grandseigneur des spanischen Weissweines in Rueda, dessen Weisswein Martinsancho weltbekannt ist. Ich werde nie die staunenden Augen Bernhards vergessen, als uns dieser über siebzigjährige Herr seine einfachen, aber äusserst wirkungsvollen Patentrezepte erklärte. Zum Beispiel, dass es in den engen Kellergewölben eben sehr mühsam sei, aus dem Spundloch der grossen Fässer eine Probe zu ziehen, weswegen winzige Löcher in die Fässer gebohrt wurden, um sie dann mit einer Vogelfeder zu verschliessen, weil die beim Vorbeigehen nachgebe und man sich an einem Hahn blaue Flecken holen würde. Dieses gemeinsame Schmunzeln über die Gewitztheit des alten Herren, als er die Vogelfeder aus dem Fass zog, um uns unsere Gläser zu füllen, vergesse ich sicher nie.


Oder wie wir bei Alejandro Fernandez sassen, dem grossen alten Herren des Ribera del Duero, und zu den grössten Rindfleisch-Stücken, die ich je gesehen habe, aus Riedel Bordeaux-Gläsern diverse Pesquera und La Granja Jahrgänge verkosten durften – ohne Spuckgefässe. Ich habe heute noch keine Ahnung, wohin Bernhard die Weine ausgeschüttet hat, während ich Alejandro beschäftigt habe, ich weiss nur, er konnte trotz der vielen Proben nachher noch fahren und ich schnarchte bei 37 Grad im Schatten ziemlich laut vor mich hin.

Das nächste, woran ich mich erinnere, ist ein Zwischenstopp kurz vor Portugal. Dann ein wunderbarer Tag in Porto, mit Besuch bei Dirk van der Niepoort und einem Abendessen, bei dem Bernhard und ich beschlossen, man sollte ein Gourmet-Dictionary fürs Handy erfinden, weil wir kein Wort auf der Speisekarte verstanden und ins Blitzblaue bestellten, was dann zwar ausgezeichnete Speisen zur Folge hatte, aber auch eine ganze Familie ernährt hätte.

Wir nahmen uns eine Flasche Wein mit und setzten uns an den Strand. Zwei Männer, Sternenhimmel, das Meer und der Wein. Stundenlang sassen wir da und philosophierten über Gott, die Welt und den Wein. Ich gebe zu, das ist mir heute noch wichtig.


Tags darauf fuhren wir zur Quinta da Carvalhosa. Die Strasse ist sicher inzwischen asphaltiert und die Scheune inzwischen einer ordentlichen Kellerei gewichen. Aber irgendwie bin ich stolz, einer der ersten gewesen zu sein, der dieses wunderschöne Fleckchen Erde kennen lernen durfte. Und das ist wieder so was, wo ich mich frage, wieso gerade er? Denn Bernhard, der neun Jahre Ältere, stieg vor mir den Steilhang hinauf, trotz der sengenden Sonne stöhnte er nicht – nein, ich war es, der auf halber Höhe jammerte, es sei doch wohl hoch genug, man sehe sowieso schon über das ganze Tal. Aber ich gebe zu, er hatte Recht, von ganz oben ist der Ausblick atemberaubend - selbst für Wachau-, Mosel- oder Priorat-Kenner. Dafür danke ich ihm.

Bernhard Breuer war ein aussergewöhnlicher Mensch. Ich habe mich immer gefragt, wo er die Zeit hernimmt um all das zu tun, was er tat. Und er dokumentierte das sogar noch in seinem Tagebuch. Doch wenn ich ihn in seinem Rüdesheim besuchte, hatte er immer Zeit, um mit mir in den Keller zu gehen, mit mir über Spontangärung oder grosse Holzfässer zu diskutieren, um in Ruhe alle Weine – und ein paar alte ausgefallene Weine anderer Winzer aus der Umgebung – zu verkosten, obwohl schon wieder ein Termin irgendeines Komitees, in dem er sich engagierte, anstand. Wir haben selbst am Telefon viel Spass gehabt, auch wenn er grad in Südafrika, Japan oder sonst wo auf der Welt unterwegs war. Und wir konnten „Hirnspinnen“, wie wir das in Wien nennen – und das kann man nur mit ganz wenigen Menschen.


Lieber Bernhard, ein altes Wienerlied heisst: „Vielleicht gibt’s im Himmel a Wiener Cafè“ und dann steht dort heute sicher ein Internet-Terminal. Neugierig, wie du bist, liest du daher sowieso alle paar tausend Nachrufe und daher auch diesen, wenn du nicht grad mit allen anderen Winzern über die Qualität der Weine diskutierst.

Ich denk jetzt mal im buddhistischen Sinn und hoffe, dass ich zu gleicher Zeit wie du wiedergeboren werde, damit wir dann gemeinsam über das Jazz-Feeling der Katzen oder was weiss ich was philosophieren können, auch wenn ich in diesem Leben zu wenig Zeit hatte, mit dir über alles, was uns noch eingefallen wäre, zu reden. Bis dann.

Bernhard Breuer wird am 28. Mai 2004 um 14:30 Uhr in Rüdesheim zu Grabe getragen.



© by Helmut Knall
last modified: 2007-07-18 11:08:57

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