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Owie´s Choice

Eine Adventgeschichte von Andreas Buergel

Es ist ja nicht so, daß mich die Kommerzialisierung von bestimmten Daten des Kalenders noch übermäßig stört. Es ist eher das - mehr oder minder unbewußte - Warten auf den berühmten Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt, der meine Innereien vibrieren läßt. Denn: wie oft

Owie´s Choice


Nein, täusch' dich nicht: das IST eine Aufforderung. Der Zeit nämlich kannst du dich nicht entziehen. Wäre sie ein Essigaufguß, wärst du eine krumme Gurke.

Und wenn da so eine Zeit daher kommt und dir alle zehn Minuten ins Gesicht kreischt, daß sie die fröhliche, die selige, die gnadenbringende sei, dann hast du verdammt noch mal fröhlich, gar selig zu sein. Punktum.

Für mich: ein Problem. Gehöre ich doch zu jenen, die den Tag mit einem Lächeln beginnen, damit sie diese Art Gesichtsmuskeltraining schon einmal hinter sich haben.

Aber: warenbringende Weihnachtszeit - auch ich kann mich dem Weihnachtsgeschäft nicht entziehen. Wenn's denn Weihnachtsjobs gibt, so nehme ich sie halt.

Ich sollte das Ensemble vor Ort treffen.
Die waren auf Tour im Süden, ich im Norden.
Im Osten nun sollten wir aufeinander treffen.
Eine der für mich seltenen Gelegenheiten, Zug zu fahren. Zug fahren - das hat für mich immer noch etwas von Pioniergeist. Das Dampfross lebt noch im ICE.

Allerdings scheinen die Sitten der Zugreisenden ebenfalls noch aus Wildwestzeiten zu stammen. Nur ein paar Meter links von mir versichern sich Mitglieder eines Kegler-Stammes - nach mehrmaligem Herausbellen der Behauptung,
daß Holz auch wirklich gut sei - ihrer gegenseitigen Treue im gemeinsamen
Vernichtungsfeldzug gegen jedweden Alkohol durch dessen Aufnahme in unbeschränkten Dosen.

Ihrem Aussehen nach sind die gerade auf dem Kriegspfad.

Der Mann recht von mir rasselt ein wenig mit seinem Brustkorb und expediert routiniert ein Etwas aus den Kanälen seiner Bronchien in hohem Bogen auf die Gleise. Selbstzufrieden nickt er seinem Produkt hinterher.

Hannover, Braunschweig, Magdeburg, Halle, Leipzig.

Warum nur sehen Städte, die man mit der Bahn anfährt, unbewohnbar aus. Gebäude wie Zahnruinen, die mit dem Mörtelkaries kämpfen.
Industrieschornsteine. Graffiti aus schmutzigen Farben. Kleingärten mit Müllhalden und Satellitenschüsseln.

Ungeschlachte Hallen mit Fensterhöhlen wie aufgerissene Haimäuler - die Ränder noch mit Glas ausgezackt. Alles in derselben rußig graubraunen Farbe.

In Leipzig umsteigen. Vierzig Minuten Zeit.

Da ich mich nie dazu durchringen kann, in Zügen etwas zu essen, sehe ich eine Chance.
Es ist Mittagszeit. Alles ist gut gefüllt, die Stühle besetzt. Nur der amerikanische Traum der unbegrenzten Mehrwertabschöpfung in der Nahrungsmittelbranche, das ohne weiteres mehr als nur etwas andere Restaurant, hat noch Plätze frei.

Ich gebe mir einen Ruck. Immer offen bleiben, sage ich mir. Zwei Cheeseburger, bitte.

The moment after: ich werde das Gefühl nicht los, daß eine Mumie in meinem Mundraum schläft. Seit Jahrhunderten, wie's scheint.
Einbildung - sicherlich; soweit hat mich die Slowfood und Weinforums-Propaganda schon getrieben.

Aber dennoch ... dieses Modrige, irgendwie Letale im Mund ...

Es bleibt noch etwas Zeit. Wein könnte helfen ... hat er doch schon oft ...

Die DB-Lounge kündigt draußen auf Tafeln heimische Weine an. Drinnen allerdings sind die nicht zu bekommen. Man will mich trösten. Einen Riesling bringen. Empfehlung des Service. Er schmeckt nach überlagertem Apfel. Sonst nach nichts.

Stellt sich als Massenware eines pfälzischen Großabfüllers heraus, den es an jeder Supermarktecke gibt.

Warum ist es in Deutschland so verdammt schwer, unterwegs einen ordentlichen
Wein zu bekommen.

Die unmittelbaren Weingegenden ausgenommen - natürlich.

Weiterfahrt nach Zwickau.

Wie werde ich jetzt dieses Sodbrennen los?
Die Mumie ist auch noch da. Verdammt langer Nachhall.

Und dann kommt es wieder, direkt vom Zwickauer Weihnachtsmarkt: mächtig, prächtig: das "O du fröhliche".

Fahr nur, fahr; der Zeit entkommst du nicht, dieser gnadenbringenden. Freu dich, Erd und Sternenzelt, na los, freu dich!

Ob's denn vor dem Job noch etwas zu Essen und einen Schluck Wein ... ?

Deprimiert weise ich sowohl die Burger-Offerte als auch den Glühwein zurück.
Warum nur ist es so schwierig ...

Da fragen mich die Kumpels, warum ich nicht gar so gerne unterwegs bin. Warum ich so überhaupt nicht cool bin, gerne in meiner ausgesessenen Sofakuhle hocke.

Lächelnd schwenke ich da mein Glas, in ebenjener Mulde ruhend. Halte Augenkontakt zum dunklen Purpur, das ich in stiller Vorfreude sanfte Runden kreisen lassen.

Selbstvergessend atme ich die reifen Beeren, den Kakao, die Vanille ein. "O du fröhliche", summt es wieder. Doch diesmal kommt es aus mir.

Ich gehe nicht dagegen an. Nähre es sogar, mit einem gut bemessenen Schluck des Weines, der mich - und das nicht nur zur Weihnachtszeit - bereits über das Jahr begleitet hat.

Ein wenig fruchtsüß, kaubar, nuanciert, saftig, mitteilsam, mit recht weichen Tanninen, mit feiner Würze hinter den durch den Kakao gezogenen Beeren. Schöner Nachhall, gute Länge.

Nein, kein Wein, den es jedesmal erneut zu befragen gilt. Schon eher einer, der einem gesteht: so bin ich halt. Kein Orakel, eher ein guter Kumpel. Mein Wein des Jahres.

Nicht der 86er Mouton. Nicht der 98er Cims.
Eben weil dieser Wein das ganze Jahr für mich da war. Und auch: weil er gnädig mit mir war. Da wirst du sagen: ist ja Quatsch mal wieder. Es gibt doch bessere, als
diesen 99er "Les Garrigues" von Clavel.
Sicher. Sicher.

Aber kannst Du das nicht auch hören: dieses entspannte: "O du fröhliche"?

Und kam das nicht eben direkt aus dieser Flasche 99er "Les Garrigues" ...???
© by Helmut Knall
last modified: 2007-07-18 11:26:54

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